Im Schleudergang

Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Film-Fotografie: Sinnschärfende Bilder im Film „Tagundnachtgleiche“ (2020)

Es wäre eine typische Einstiegsfrage in einem medienwissenschaftlichen Seminar: Wo liegen die Unterschiede zwischen Filmografie und Fotografie? Dass sich die Frage lohnen könnte, merkt man daran, dass im Abspann das lapidare Wort ‚Kamera’ im Englischen durch ‚Director of Photography’ wiedergegeben wird.

Der Debütfilm Tagundnachtgleiche von Lena Knauss besticht nicht zuletzt durch Kamerabilder, die Licht und Dunkel in ein wundersames Mischverhältnis bannen. So ist es passend, dass im Abspann der Begriff „Bildgestaltung“ (Eva Katharina Bühler ) verwendet wird.  Der Titel ist bereits ein Verweis auf die „sinnlich-poetische Atmosphäre, die sich in der Visualität spiegelt“, um Worte von Knauss zu ihrem Film wiederaufzunehmen.  Die Geschichte des kontaktscheuen Alexander (Thomas Niehaus), der sich hemmungslos in die  Variété-Künstlerin Paula Clarin (Aenne Schwarz) verliebt, bevor sie mysteriös aus dem Leben scheidet, ohne dass er sie näher kennenlernen konnte, nimmt erst durch Paulas Schwester Marlene (Sarah Hostettler) Gestalt an. Die Liebe kann sich erst dank Marlenes Einfühlungsgabe in ihrer Rolle als Radiomoderatorin vollends entfalten. Während Paula den Augen der Regisseurin als „Projektionsfläche“ dient,  ist ihre Schwester als Radiomoderatorin trotz ihrer Unsichtbarkeit Alexanders Lebenswirklichkeit viel näher. Das liegt auch daran, dass Alexander ein großer Liebhaber klassischer Musik ist.

Ein Dialog bleibt dabei besonders in Erinnerung, als Marlene Alexander ihren Arbeitsplatz im Funkhaus zeigt:

[Alexander:] Hier kommt das alles her, was ich jeden Tag höre. Das ist schon irgendwie ein kleines Wunder. Du setzt dich hin, und wenn man will, kann man nun überall da draußen deine Stimme hören.

[Marlene:] Ich liebe das. Alles wird verschluckt. Als gäbe es da draußen die Welt gar nicht – nur noch das Hier und Jetzt. Für die da draußen bin ich unsichtbar: Keiner sieht mich – trotzdem bin ich da!

Eigentlich ist Marlenes Stimme zusammen mit den angekündigten Musikstücken – darunter Ohrwürmer wie die Vocalise von Sergej Rachmaninoff in einer Version für gemischten Chor mit heller Solo-Stimme – der Impuls für eine Annäherung Alexanders. In einem Kammerkonzert hören die beiden live die 1. Gnossienne von Erik Satie in einer Version für Klavier und Cello, wobei Alexander sich noch immer Paula an seiner Seite vorstellt (im Film sehen wir abwechselnd die beiden Schwestern neben ihm).

Zwei Film-Bilder zeigen die präzise Beleuchtung des Films. Ganz zu Anfang sehen wir Alexanders Arbeitsplatz  – seine Fahrradwerkstatt neben einem Café – mit dessen Besitzerin er hin- und wieder anbandelt:

Filmszene aus "Tagundnachtgleiche"
Alexanders Lebenswelt: Fahrradwerkstatt & Café; Tagundnachtgleiche, Regie: Lena Knauss, Tamtam Film (2020), 1’26“

In wenigen Sekunden wird das opake Nebeneinander von Arbeit und Unterhaltung in Hell und Dunkel gehüllt. Das bewegte Bild zoomt in Alexanders Werkstatt hinein, so dass der Zuschauer in die Lebenswelt von Alexander eintaucht.

Die andere Einstellung zeigt, wie Alexander auf den Fersen von Paula ist. Er verfolgt sie bis zu ihrem Arbeitsplatz, dem Variété Tagundnachtgleiche:

Nachtszene in "Tagundnachtgleiche"
Alexander folgt Paula zu ihrem Arbeitsplatz; Tagundnachtgleiche, Regie: Lena Knauss, Tamtam Film (2020), 10’36“

Auch hier sind es wenige Sekunden, in denen sich die Einstellung unvergesslich wird. Gerade die wenigen hellen Stellen  rund um die Theaterkasse haben zusammen mit dem leuchtend weißen, vertikal angeordneten Schriftzug „Tagundnachtgleiche“ etwas Traum-haftes. Hier spiegelt sich Kunst auch in der Kunst, da hier offensichtlich das Eingangstor zu einem Variété-Theater im Film als Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum ein besonderes Gewicht erhält.

Auch im weiteren Verlauf des Films gibt es viele buchstäblich traumhafte Einstellungen. Da auch Liebe etwas Unerklärliches ist, bleibt die Beziehung zwischen Alexander und Marlen in der Schwebe. Der Hör- und Sehgenuss hält bis zum Abspann vor – allein dies ist Grund genug, den Film in einer schwärmerischen Einstellung anzuschauen; gerade dann ist es nicht mehr weit, von diesem Film zu schwärmen!

Die Zitate sind im Film an Position 46‘49‘‘ bzw. an 47‘24‘‘ zu hören. Das Interview mit Lena Knauss ist hier nachzuhören (Zitate folgen an Position 1’37“ bzw. an Position 2’23“). Bis Ende Februar 2023 ist der Film in der ard-Mediathek verfügbar. Die DVD kann zum Beispiel bei Weltbild bestellt werden.

Zum Aussteigen und Abschalten: Über eine Lektüre am Rande des Zuckerbahnradwegs

Ein stimmiges Intro für eine Literatursendung: Da steige ich in Zeitz aus dem Auto auf mein Fahrrad und nehme Kurs auf den erst einige Jahre vollständig fertiggestellten Zuckerbahnradweg. Neben einer Packung Energy Balls kommt ein Roman mit, das das Aussteigen als Lebensveränderung thematisiert: Herr Jensen steigt aus von Jakob Hein (2006), wahrlich ein moderner Aussteigerroman. Damit aber noch nicht genug: Bevor ich den offiziellen, gut 35 Kilometer langen Radweg in Angriff nehme, pumpe ich an einer bft-Tankstelle noch meine Reifen auf. Am Rande sitzen junge Leute mit Bierpullen zusammen. Ein Gesprächsfetzen lässt mich aufhorchen. Angeblich laufe nichts Gescheites im Fernsehen, woraufhin einer lapidar ausruft : „Hartz-4-Fernsehen!“ Ich hätte noch länger gelauscht, doch ich habe nur gute dreieinhalb Stunden Zeit, um die einzige wirklich annehmbare Umsteigeverbindung am Zielort zu erwischen, um wieder vor Einbruch der Dunkelheit am Auto zu sein. Der Melassegeruch in der Nähe des Südzucker-Firmengrundstücks begleitet mich kilometerlang. So macht der Radweg seinem Namen alle Ehre.

Zuckerbahnradweg
Makro-Schiene als Fahrradabstellmöglichkeit (für
„Schienenersatzverkehrsfahrzeuge “) am ehemaligen Bahnhof Droyßig

Im Roman wird das Medium Fernsehen ebenfalls in einen sozioökonomischen Kontext gebracht. Folgenden Passus, der mir zu dem Zeitpunkt schon bekannt war, hätte ich gerne mit etwas mehr Zeitpuffer an der Tankstelle vorgelesen:  

Herr Jensen verließ seine Küche, setzte sich auf sein Sofa, ergriff die Fernbedienung und schaltete seinen Fernseher an. Er drückte sich durch die verschiedenen Programme und wurde von einer tiefen Zufriedenheit erfasst. Sie hatten ihm die Arbeit genommen und seine Pläne, aber sie mussten ihm immer noch genau dasselbe Fernsehprogramm geben. Dutzende verschiedener Sender, mit Millionenaufwand produzierte Programme, durch Werbung finanziert. Er empfing genau das gleiche Fernsehprogramm wie ein Millionär, was ihm schon fast wie Kommunismus erschien. Und es war vollkommen nutzlos, Herr Jensen hätte sich im Moment kein einziges der Produkte gekauft, für das sie da Werbung machten. Trotzdem konnte er die verschwenderische Vielfalt in vollem Umfang aufnehmen, sie wurde ihm vor die Füße geworfen. 

Mit Hartz 4 begann in etwa das 21. Jahrhundert in der deutschen Sozialpolitik. Der Ausdruck „Hartz-4 -Fernsehen“ verknüpft, wie es an der Tankstelle anklang,  die dürftige Sozialhilfe mit dem Fernsehprogramm, was ein gar nicht so trivialer Gedanke ist. Das Fernsehen ist im Grunde für alle erschwinglich und zugänglich. Die Vielzahl an Kanälen lässt sich nicht mehr überblicken, so dass zusammen mit dem Internet-Fernsehen eine Übersättigung für alle Zielgruppen vorhanden ist.  Wer viel Zeit und wenig Elan hat, kann stundenlang am Tag vor dem Fernseher hocken. Und nicht selten werden Hartz-4-Empfänger im Fernsehen porträtiert und ihr Leben beschrieben, wovon 2018 Die Zeit berichtete. Insofern ist die Analogie zwischen Status und Medium nicht irreführend. Traurig ist der aufgeschnappte Begriff allemal. Denn man fragt sich schon, was die produktiven Fernsehschaffenden antreibt, um in mehreren Formaten ausführlich über Randgruppen zu berichten. Gibt es da neue Erkenntnisse? Klar ist: Das Programm wird mitsamt der Werbung von vielen Zuschauern konsumiert (und indirekt auch bezahlt). Hier zählt bestimmt der Faktor der Identifikation mit der Sendung.

Auf der Rückfahrt lese ich im besagten Roman weiter. Im Grunde ist Herr Jensen ein Typ, der sich des sozialen Netzes entledigt. Dadurch, dass er nicht nur seinen Fernsehapparat „mit einer ruhigen, geschmeidigen Bewegung aus dem geöffneten Fenster“ wirft, geht er mit Sozialleistungen nach seiner Entlassung als Postbote leichtfertig um: Als er seinen Briefkasten und sein Klingelschild demontiert, steigt er im Grunde aus seinem ganzen Sozialleben aus – von (Mobil-)Telefonen ist nicht die Rede. So passt es, dass die für ihn zuständige Sachbearbeiterin Frau Ortner, die mit „seiner Hartnäckigkeit, der arglosen Penetranz“ nicht so recht umgehen kann, beschließt, „dass er weiterhin seine Bezüge bekommen sollte, und das erst einmal auf unabsehbare Zeit und vor allem ohne Folgetermin in ihrem Büro“. Herr Jensen verweigert sich – er hat keinerlei abgeschlossene Ausbildung – einer weiteren Schulungsmaßname, denn sein früherer Arbeitgeber hat ihn zum Ausstieg veranlasst. Auf die Aussage von Frau Ortner, ein Kurs mit dem Namen „Fit for Logistics“ ergebe nach der erfolglosen Maßnahme „Fit for Gastro“ Sinn, antwortet Herr Jensen kühn:

Nein, mir wurde gekündigt, um Kündigungen zu vermeiden, in der Branche gibt es keinen Wiedereinstieg. Ich bin fit für die Branche, leider ist die Branche nicht mehr fit für mich.

Kaum ein Geschäft liegt direkt am Rande des Zuckerbahnradwegs. Ich unterquere nach etwa Hälfte der Strecke die A9, auf der es sich – wie surreal in einem dünn besiedelten Raum – in Richtung Norden sogar staute. Die Ortschaften sind allesamt unauffällig und am Reformationstag verschlafen. Man hört einzelne Stimmen von Privatgrundstücken aus. Einmal quert eine Pferdekutsche den Radweg. Ich sehe auf der ganzen Distanz sicher mehr Radfahrer als fahrende Autos. Auf den letzten etwa 10 Kilometern ist die Trasse nicht mehr vorhanden, doch die Wege bleiben gut fahrbar: Mit Elan rolle ich auf einer kilometerlangen Abfahrt hinab ins Saaletal und erreiche nach gut drei Stunden just-in-time den Zielort Camburg, nachdem ich mir den offiziellen kurzen Schlenker über den Saaleradweg am gegenüberliegenden Ufer erspart habe.

Um von Camburg zurück nach Zeitz zu kommen, fahre ich zunächst mit dem Regionalexpress in Richtung Leipzig und muss in Weißenfels umsteigen. Von dort bringt mich ein kleines, hochmodernes Triebfahrzeug trotz technischer Störung ohne merkliche Verzögerung bis Zeitz, wo es erst einmal abgestellt wird. Das Auto steht günstig in Bahnhofsnähe; rasch ist das Fahrrad verstaut, bevor die bft-Tankstelle zum Auftanken bereitsteht. Lückenlos schließt sich der Kreis nach mehrmaligem Auf-, Ab-, Ein- und Aussteigen.

Der Roman kann günstig über abebooks oder beim Piper Verlag erworben werden. Die Rezensionen erhielten ein geteiles Echo; die Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung ist recht differenziert geschrieben. Die langen Zitate sind aus der Piper Ausgabe (13. Auflage) entnommen und finden sich auf den Seiten 31 und 105. Weitere Zitate stehen auf den Seiten 79 und 106/107.

Liefer-Biene: Zum Mopedauto im Film „Sommer auf drei Rädern“

Möchte ein Regisseur in seinem Film gewisse Entwicklungsprozesse im Raum-Zeit-Kontinuum anschaulich machen, so scheint dafür eine Kombination aus Roadmovie und Coming-of-Age-Film geeignet. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Sommer auf drei Rädern von Marc Schlegel, der vom SWR in Auftrag gegeben wurde. Einen genaueren Blick lohnt hier die Auswahl des Vehikels, das aufgrund seiner drei Räder auffällig ist. 

Drei mit unterschiedlichen Schicksalen konfrontierte Jugendliche fahren mit einem „Mopedauto“  mit drei Rädern auf zwei Achsen von Stuttgart in Richtung Bregenz am Bodensee. Vorgestellt wird sie im Film wie folgt: „Piaggio Ape Tm 703, Baujahr 1986, keine Airbags, kein ABS, dafür eine Ladefläche für extra viele Warmehalteboxen und sportliche 11 PS“.  Ape heißt zu deutsch Biene und kommt wie die weltberühmte Vespa (Wespe) aus dem Hause Piaggio. Die Biene wird wie die Vespa in verschiedenen Ausführungen seit den 1950er Jahren hergestellt. Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist! Sie ist wohl einer der kleinste Kleintransporter und wird vor allem im Innenstadtbereich genutzt. Als Nutzfahrzeug ist sie den meisten vertraut, ohne wirklich Kult zu sein. In der Automobilstadt Zwickau nutzt das Fahrzeug ein Buchhändler, um seine Ware auszuliefern;  dank seiner Wendigkeit wurde es sogar im Sommer 2022 während der Aufführung der Oper L’elisir d’amore (Der Liebestrank) von Gaetano Dozinetti auf die Open-Air-Bühne in Plauen gefahren und diente dem Scharlatan Dulcamara als fahrbarer Untersatz.

Die drei folgenden Standbilder zeigen, wie wunderbar die Ape die Handlung in einem sehr gut fotografierten Roadmovie mitbestimmt:

Sommer auf drei Rädern - Halt an der Pizzeria
Nach dem kurzen Halt an einer Trattoria geht das Reiseabenteuer los –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 28’19“.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
An einer Weggabelung geht der Sprit aus; Zeit für ein neues Abenteuer –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 30’12“.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
Die Ape hat sich im Matsch festgefahren; und wieder gibt es ein Abenteuer – Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 45’1“.

Eine Ape ist kein Fahrzeug, mit dem man glänzen kann. Es passt zu den drei Hauptcharakteren Flake, Kim und Philipp, die allesamt am Rande der Gesellschaft stehen. Die Selbstvorstellung der zentralen Hauptfigur ganz zu Beginn des Films haut sprichwörtlich rein:

Ich bin Flake. Was Flake für ein Name sein soll? Meine Eltern haben sich Ende der 90er Jahre auf einem Metalfestival kennengelernt und dachten, es wäre eine niedliche Idee, ihr erstes und einziges Kind nach dem stotternden Keyboarder einer Rockband zu benennen. Doch es war nicht nur der Name, der mich zum Außenseiter gemacht hat.

Flake ist ganz hin und weg von Leonie, die nach einem längeren Auslandsaufenthalt in seine Klasse kommt. Als Sitznachbarn tragen sie gemeinsam Referate vor; doch hat sowohl sie als auch Kim bereits einen Freund.  Flake opfert sich für Leonie auf:  Er kommt mit ihr auf der Abi-Party in Berührung mit Rauschgift, sie sitzt danach am Steuer, und Flake nimmt den Crash nach der Flucht bei einer Verkehrskontrolle auf seine Kappe, so dass Leonie unbehelligt bleibt. Beim kommunalen Lieferdienst „Essen auf Rädern“, wo er Sozialstunden ableisten muss, begegnet er Kim, die aufgrund von illegalem Drogenbesitz ebenfalls dazu verdonnert worden ist. Leonie macht derweil Urlaub mit ihrem Freund am Bodensee.

Den beiden wird vom Lieferdienst jenes Vehikel zu Verfügung gestellt. Es bietet eine doppelte Perspektive:  Da nur der Deal mit einem in Bregenz in einem teuren Hotel wohnhaften Koks-„Kunden“ ermöglichen kann, fällige Drogen-Rechnungen bezahlen zu können, nutzt Kim zusammen mit Flake ein Wochenende, um sich mit dem Mopedauto nach Süden zu begeben. Der führerscheinlose Flake, der üben möchte, wie er am besten zu Leonie Kontakt aufnimmt, soll als „Schlemihl“ für die Drogenübergabe eingespannt werden.  Der dritte im Bunde, Philipp, an den Rollstuhl gefesselt und in der Einrichtung wohnhaft, in der Flake ihn mit dem falschen Essen versorgt, kommt auf der Ape-Ladefläche mit auf die Reise, weil er aus seinem monotonen Betreuten-Wohnen-Status ausbrechen will. Er sorgt durch seine Kaltschnäuzigkeit für die eine oder andere zusätzliche Handlungsdynamik.

Das  mehrdeutige jiddische Wort „Schlemihl“ hat eine größere kulturhistorische Bedeutung und bedeutet allgemein „Pechvogel“, kann aber auch als „Schlitzohr“ bzw. Narr durchgehen. Im Film wird der Begriff von Kims Freund als „jemand Unauffälliges“, als „jemand, der die Übergabe macht , ohne zu wissen, dass da Drogen transportiert werden“ erklärt. Das Unauffällige macht ihn einerseits zum Opfer, aber andererseits auch zum Täter. Jakob Schmidt brilliert in dieser komplexen Rolle, in der er Schüchternheit mit einem gewissen Biss im richtigen Augenblick sehr gut kombiniert.  Dieser Plan der Schlemihl- Rolle zerschlägt sich zwar, doch die Übergabe gelingt, kurz vor der Verhaftung des nun im Drogenbesitz befindlichen Kunden und einem durchgeknallten Kaninchenzüchter, der schon während der Fahrt dem Trio das Leben schwer machte und von dem Koks-Deal Wind bekam. Just Flake kann dem Kunden im richtigen Augenblick das Geld abknöpfen, während die Polizei schon auf der Lauer ist.

Während des Roadmovies kommen sich Kim und Flake näher: Sie erkennen ihre Zuneigung zueinander, und Flake begreift, dass die Zuneigung für Leonie nur eine Schimäre ist. Das teilt er ihr auch ehrlich am Bodensee mit, so dass auch für ihn die Reise wertvoll ist. Nun ist der Weg frei für eine authentische Liebesbeziehung durch dick und dünn – das Außenseitertum hat ein Ende; der Weg raus aus dem Drogenmilieu ist geschafft. So gesehen hat das Mopedauto buchstäblich über Umwege zur Entwicklung der jungen Menschen beigetragen.

Der Film ist bis einschließlich 1. November in der Arte-Mediathek zugänglich; danach lohnt sich zumindest, den Trailer anzuschauen. Falls er Interesse wecken sollte, kann man nur dem Tag entgegenfiebern, an dem er bei einem Streaming-Anbieter oder auf DVD / Blue-Ray verfügbar sein wird. Das längere Zitat kommt bereits nach 46 Filmsekunden.

In geregelten Bahnen – Über eine kinetische Installation

Als Kind habe  ich – sicher aus rein ästhetischen Gründen – um kurz vor 20 Uhr des öfteren die Ziehung der Lottozahlen gesehen. Sie war lange (von 1965 bis 2013) vor der Tagesschau auf einem festen Sendeplatz in der ARD. Die „Lottofee“ Karin Tietze-Ludwig schien dafür die Idealbesetzung gewesen zu sein. Heute ist die Ziehung ins Internet-Fernsehen abgewandert.  Gab es früher während der Ziehung sanfte Combo-Musik oder auch mal Electro-Beats, wird heute regelrecht gelabert.  Das Kamerabild der im gläsernen Rund geschwenkten Lottozahl-Kugeln scheint mitsamt der einzeln hinauskatapultierten Kugeln nicht mehr Spannungsmoment genug zu sein.

In der Konschthal von Esch-sur-Alzette dachte ich sicher noch nicht an die Ziehung der Lottozahlen, als ich mir auf mehreren Stockwerken die kinetische Installation Distance von Jeppe Hein anschaute.  Hier sind es mit Hilfe eines Startknopfs vom Ausstellungbesucher in Gang gesetzte weiße Kugeln (etwa in Bowling-Größe), die scheinbar unendlich lang in buchstäblich geregelten Bahnen rollen und wiederholt über Hebelifte auf ein höheres Energielevel gehoben werden. Die Langsamkeit des Rollens ist beeindruckend. Mitunter ist mal ist ein Looping eingebaut, mal geht es rasant abwärts. Man folgt der Kugel, was Aufmerksamkeit erfordert: Das Aus-den-Augen-Verlieren ist möglich, wenn mehrere Kugeln im Umlauf sind. Das Scheppern als Nebeneffekt vermittelt das Ungeschönte, Materielle. Die Gesetze der Physik soll man eben auch als Geräuschkulisse erfassen können. 

Wenig ist im Internet über die Installation geschrieben worden. Liegt es daran, dass sie kaum erklärungsbedürftig ist? Oder dass  man sie mit den eigenen Sinnen eingefangen haben muss? Ein Foto und ein sehr kurzes Video zeigen mich beim Betrachten der Installation. Dabei wird deutlich, dass der Unterschied zwischen den Medien im Kinetischen und Akustischen liegt: Das Foto kann die Dynamik und das Atmosphärische, wozu auch die Tonkulisse beiträgt, einfach nicht einfangen:

Distance von Jeppe Hein
Distance von Jeppe Hein
( Besichtigung am 21.08.2022 in der Konschthal Esch-sur-Alzette )
Distance von Jeppe Hein
(Besichtigung am 21.08.2022 in der Konschthal Esch-sur-Alzette)

Die Installation kann man gut nutzen, um physikalische Prozesse zu illustrieren. Ebenso lässt sich damit ein System als Konstrukt beleuchten. Wenn nur ein Bauteil defekt ist,  dann ist das ganze System lahmgelegt. Oft ist das nur abstrakt vorstellbar, doch in dem ehemaligen Möbelhaus, der heutigen Konschthal, merkt der Betrachter, wie stark es auf die Konzeption des Ganzen und auch auf jedes einzelne Element ankommt.  Die Wahrnehmung wird auf das Wesentliche gerichtet, nämlich auf den Ablauf.  So wie jeder Ausstellungsbesuch einen gewissen Ablauf hat, so wird hier deutlich, wie Wege vorgezeichnet und dann mit räumlichen Besonderheiten in Einklang gebracht werden. Man könnte hierbei auch an Lebenswege gehen, die auch energetisch gesteuert werden, Stichwort: „Lebensenergie“. In dieser Erkenntnis hat für mich die Installation auch etwas Modellhaftes. Distance steht für etwas Abstraktes, schwer zu Begreifendes. Ein Systemtheoretiker könnte hierzu Stellung nehmen.  

Meist nimmt ein Modell die Gestalt einer Miniatur an. Davon kann bei Jeppe Hein nicht die Rede sein. Ich würde von einer monumentalen Installation sprechen. Wir fühlen uns eher vom Spektakel übermannt. Das wäre beispielsweise bei einer Modelleisenbahn-Anlage nicht der Fall. Die kaum zu überschauenden Wahrnehmungsreize entsprechen auch eher unserer Erfahrungswelt. Die recht unbekannte Kulturhauptstadt – immerhin die zweitgrößte Stadt Luxemburgs – hat in zentraler Lage diese unsere Welt bereichert. Dafür sind wir ihr als Besucher dankbar.

Hier noch ein weiterer, kurzer Blogartikel mit einem unkommentierten, in Saint-Nazaire 2014 gedrehten Video zur Installation des 1974 in Kopenhagen geborenen Jeppe Hein. Distance war bereits an mehreren Orten ausgestellt. Das Bild und das kurze Video stellte mir freundlicherweise Cindy Unterrainer zur Verfügung.

Von Klettbach bis in die Vogesen

Je vous salue!

Grüßt euch! Da sind wir wieder und möchten euch auch dieses Mal auf eine kleine Reise, die über die Grenzen der Republik hinaus geht, entführen.

Wie ihr sicherlich schon erahnt habt, sind wir nicht einfach direkt in die Vogesen gefahren. Nein, wer uns kennt, weiß, dass wir zu Umwegen neigen und gerne an eher ungewöhnlichen Orten verweilen und die Umgebung auf uns wirken lassen; so auch dieses Mal.

In Klettbach, unserer ersten Station, verbrachten wir zwei angenehme Tage im Poul‘s Hof. Klettbach? Werdet ihr womöglich denken; wo mag das nur liegen? Nun, hier möchte ich euch natürlich nicht allzu lange auf die sprichwörtliche Folter spannen. Klettbach ist tatsächlich sehr verkehrsgünstig gelegen und befindet sich nur unweit von Erfurt, Weimar und Gotha entfernt. Also kamen wir natürlich nicht umhin, uns zumindest Erfurt und Gotha einmal anzuschauen.

Vor einigen Jahren, als ich noch jünger war, besuchten meine Familie und ich Erfurt; die Geburtsstadt meines Großvaters und meiner lieben Mama. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich etwas sentimental durch die Stadt wandelte, in der Hoffnung, einige der besuchten Orte wieder zu erkennen. Das gelang mir mal mehr, mal weniger gut, was sicherlich nicht zuletzt meinem eher mangelhaft ausgeprägten Orientierungssinn geschuldet ist.

Impressionen aus Erfurt

In Zeiten der Pandemie war es schön, im alten Stadtkern viele Menschen beim Bummeln oder an den zahlreichen Verkaufsständen zu sehen. Endlich war wieder Leben eingekehrt, was sich auch in der sichtlichen Freude der umherstreifenden Passanten zeigte.

Eine Dame erklärte ihrer etwas älteren Mutter, die sie im Rollstuhl vor sich her schob, was wohl diese riesige Absperrung und die große Bühne auf dem Domplatz zu bedeuten hätten. Nun, für diejenigen unter euch, die ebenso neugierig sind, wie die ältere Dame es zu sein schien, will ich das Rätsel natürlich sogleich auflösen. Zu jener Zeit, als wir Erfurt besuchten, gaben Die Ärzte ein paar Konzerte in der Stadt. So begegneten wir auch immer wieder auf unserem Spaziergang anderen Touristen, die es wegen des Konzertes in den Ort zog.

Auf unserem kleinen Stadtspaziergang begegnete uns aber auch ein netter Herr aus der Umgebung, der uns, weil er bemerkte, dass wir Hundefreunde seien, sogleich darüber informierte, dass erst kürzlich ein Hund ausgesetzt worden war und sich die Polizei nun der Sache angenommen habe, um den Halter zu ermitteln. Seinen Unmut darüber könnt ihr sicherlich nachvollziehen. 

Später am Tag ging es dann nach Gotha. Dort besuchten wir neben dem Herzoglichen Museum auch das Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein. Dieses kleine Theater zeichnet sich v. a. dadurch aus, dass die Bühnentechnik, mit der die Kulisse schnell umgestaltet werden kann, nahezu im originalen Zustand des 17. Jahrhunderts erhalten ist.

Eindrücke aus Gotha

Der Theaterabend war ein riesiger Spaß; voller Witz, einem „vermeintlich“ tödlichen Liebeselixir, Intrigen und Verlangen. So richteten die Akteure und Aktricen immer wieder auch das Wort an das verzückte Publikum. So zum Beispiel der Mönch, der sein „Gebräu“ unter das Volk bringen wollte, indem er kokett fragte: „Welche der Damen möchte heute alleine nach Hause gehen?!“ Ein Lachen ging durch die Reihen, als eine der Damen ihren Arm etwas zu spät wieder herunternahm.

Nach unserem Besuch in Klettbach und Gotha ging es dann in Richtung Luxemburg. Esch-sur-Alzette, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas überraschte mit einem überdimensionierten, künstlerischen „Murmelprojekt“ und einem Universitäts-Campus, der sich wirklich sehen lassen konnte; alleine schon von der Farbgebung her. Ein Besuch des ehemaligen Hochofens durfte natürlich nicht fehlen. Hier galt es einige Treppenstufen und „Höhenmeter“ zu überwinden.

Kulturhauptstadt Esch-sur-Alzette

Danach hieß es endlich Urlaub in Frankreich. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie unglaublich aufgeregt ich war. Schon alleine die Fahrt durch den Tunnel in Richtung Frankreich bereitete mir große Freude. Selbstverständlich bestand ich darauf meine Betty (ja, so heißt mein Auto!) über die Grenze zu bewegen. Unsere erste Station war dann Nancy. Bei schönstem Wetter flanierten wir mit den beiden Hündchen durch die Stadt, genossen tolle Gespräche und eine wirklich sehr sehr leckere Quiche. Selbstverständlich durfte die eine oder andere Besichtigung dabei nicht fehlen.

Nancy in der Region Grand Est

Nach einigen Stündchen ging unsere Reise schließlich weiter. Hier übernahm Thomas nun das Steuer; und bei den Serpentinen, die wir teils durchqueren mussten, war ich auch wirklich sehr dankbar dafür. Mit dem Auto galt es nämlich einige Höhen und Kurven zu überwinden.

Letztlich erreichten wir unser Ziel und waren sichtlich glücklich und zufrieden. Auch die kleinen Hündchen freuten sich über ihren Auslauf auf der Ferme de Jean in Saulxures-sur-Moselotte.

Ankunft und erste Erkundung der Umgebung

Christophe, der Hausherr unserer Gîte, empfing uns freudig und zeigte uns die Unterkunft. Jeden Morgen bereitete er uns leckeres französisches Frühstück mit Käse, Croissants, Ei und Kaffee. Wer Marmelade oder Honig haben mochte, bekam natürlich auch dies. Christophe wirkte dabei stets entspannt und wir Deutschen machten unserem Ruf, sehr ordentlich und diszipliniert zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes alle Ehre. Darüber scherzten wir dann auch gerne mit Christophe.

Wir genossen viele tolle Gespräche und ich konnte ein wenig an meinem Französisch üben.

Schöne Wanderungen durften in den Vogesen natürlich nicht fehlen. Meine zwei kleinen Hündchen benötigten allerdings einmal eine etwas längere Pause, um sich von den „Wanderspaziergängen“, denn diese waren eigentlich sehr hunde- und Cindy-freundlich konzipiert, wieder zu erholen. 

Wandereindrücke aus den Vogesen

Für mich als Berlinerin, mit vergleichsweise wenig Gebirgserfahrung (Wie hoch ist unser höchster „Berg“ in der Stadt? Etwa 120 Meter?!) waren die gut 1.000 Meter über dem Meer (unsere Ferme lag laut outdooractive.com auf 888 Metern :-)) eine tolle Abwechslung und kleine „Herausforderung“. Ihr könnt euch sicherlich denken, wie freudig erregt ich war, als ich das Gipfelkreuz des Hausbergs, dem Haut du Roc, erreichte. Der Anblick, der sich dabei bot, war einfach malerisch.

Ein Naturfreibadbesuch in der Base de Loisirs von Saulxures-sur-Moselotte durfte selbstverständlich nicht fehlen; ebenso wenig wie der Besuch zweier unglaublich schöner Gärten in Cornimont und Granges-Aumontzey (ehemals Granges-sur-Vologne). Längere, anregende Gespräche blieben dabei natürlich nicht aus; wenngleich ich dabei häufig eher im Hintergrund fungierte. Man spürte in beiden Gärten einfach die pure Liebe zur Natur; ein unvergessliches Erlebnis.

Kunst in La Bresse und Cornimont (Jardin et Objets des Panrées)

Artgerecht gehaltene Freigänger-Katzen, aber auch Freigänger-Gänse begegneten uns auf unserer Reise durch die Vogesen und sorgten immer wieder für schöne, einprägsame Momente.

Tierische Bekanntschaften 🙂

Sehr guter Wein, anregende Gespräche, kulturelle Höhepunkte, wie der Besuch des Musée du Bois und viel Natur bereiteten uns ein unvergleichliches Erlebnis.

Musée du Bois in Saulxures-sur-Moselotte

Über Haguenau im Elsass ging es schließlich zurück nach Deutschland.

Impressionen vom Festival du Houblon in Haguenau

Ein Dank gilt allen, die diesen Urlaub zu etwas ganz Besonderem gemacht haben; durch die vielen guten tiefgründigen Gespräche mit unserem Gastgeber Christophe und den lieben Menschen in Cornimont, La Bresse, Saulxures-sur-Moselotte und Berchigranges, die uns u. a. auch Anregungen für unser eigenes kleines künftiges Balkon-Gartenreich gaben und für das Gefühl, irgendwie zu Hause zu sein und sich willkommen zu fühlen, obwohl man vielleicht noch nicht so sicher in der französischen Aussprache war.

Jardin de Berchigranges

Ich jedenfalls werde diesen Urlaub ganz sicher nicht so schnell vergessen und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit Christophe und Gribouille, Familie Dronet, den Gartenfreunden aus Cornimont und all den anderen lieben Menschen, denen wir in den Vogesen begegnet sind. Am Liebsten wäre ich nie wieder fortgegangen.

À bientôt!

P. S. Für all diejenigen, die sich fragen, wer sich hinter Gribouille verbirgt… 🙂

Worauf Gribouille wohl wartet? 🙂

Gestochen scharf: Über ein besonderes Guckkastenbild, das einen vom Sockel haut

Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, so sind doch gewisse überlieferte Ereignisse rund um das Thema Erinnerungspolitik wieder brandaktuell:  Als Ende August 2022 in Riga ein Obelisk aus Sowjetzeiten geschleift wurde, weil er den Totalitarismus verherrlichte, musste ich an ein besonderes Guckkastenbild denken. Es wurde bis zum 11.September 2022 in einer feinen Ausstellung mit dem einprägsamen Titel „Die Welt im Kasten“ im Chemnitzer Schlossbergmuseum gezeigt. Bereits 2021 waren mehrere Guckkastenbilder aus der hauseigenen Sammlung im nahen SMAC (Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz) ausgestellt, als es um das Thema Stadt ging. In einem kurzen Video, das Teil des digital verfügbaren Ausstellungsdossiers ist, skizziert Kuratorin Katja Manz die Geschichte von Guckkastenbildern, die vom 17. – 19. Jahrhundert einen Blick in die Welt ermöglichten, spätestens im 18. Jahrhundert auch für die breite Masse.

Im Schlossbergmuseum ist auch Forschung präsent: Die Bachelor-Arbeit von Susanne Görnert, 2019 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig unter dem Titel Die Guckkastenblattsammlung des Schlossberg-museums Chemnitz. Datierungsvorschläge und Vorlagenforschung vorgelegt, ist eine wichtige Quelle angesichts vieler noch offener Fragen. Aus der Arbeit erfahre ich, dass der Herausgeber der Guckkastenbilder, die Académie Impériale, von 1770 bis 1790 etwa 500 Exemplare als Kupferstiche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Anders als ein Fotograf ist ein Kupferstecher selten leibhaftig vor Ort; vielmehr muss er aus Beschreibungen und Erzählungen sein Werk schaffen.  Das hier thematisierte Guckkastenbild mit dem Titel „La Destruction de la Statue royale à Nouvelle Yorck“ (deutsch: Die Zerstörung der Königlichen Bild Säule zu Neu Yorck) wurde von Franz Xaver Habermann (1721 – 1796) in Augsburg gestochen, wo auch der Herausgeber ansässig war:

Guckkastenbild von Habermann
Franz Xaver Habermann: Die Zerstörung der Königlichen Bild Säule zu Neu Yorck, um 1780 (Online-Quelle: Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz: www.stadt-im-smac.de)

Zu diesem Guckkastenbild schreibt Görnert auf Seite 49 ihrer Bachelorarbeit:

Die Ansicht New Yorks bezieht sich auf das historische Ereignis des Reiterstandbildes König Georg III. am 9. Juli 1776 im Bowling Green Park. Habermann nutzte hierfür als Vorlage den Kupferstich eines unbekannten französischen Stechers, welcher diesen wenige Monate nach dem Ereignis herausbrachte.  Der Franzose schien New York nicht zu kennen. Statt dem 1760 erbauten Reiterstandbild König Georg III. ist eine Statue abgebildet. Auch die Stadtarchitektur erinnert eher an Paris als an die typisch koloniale Bauweise der amerikanischen Großstadt. Ebenso entspricht die revoltierende Menschenmenge welche aus Turban tragenden, dunkelhäutigen Männern besteht nicht der damals in New York lebenden Bevölkerung.

Welche Aussage sollte mit diesem Guckkastenbild transportiert werden? Immerhin ist das Motiv alles andere als malerisch. Die Zerstörung eines Vertreters aus der europäischen Monarchie ist doch starker Tobak, gerade für eine „Académie“, die das Kaiserliche in ihrem Namen führt. Doch Vorsicht:  Augsburg war damals (bis 1805) Freie Reichsstadt und genoss mehr künstlerische Freiheit als manch andere Stadt.

Georg III. (1738-1820) stammte aus dem Haus Hannover; seine Mutter war Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg. In seine fast 60 Jahre lange Regentschaft fiel als Zäsur die Unabhängigkeitserklärung der USA 1776. Wenn nur fünf Tage nach dem Independence Day der König im wahrsten Sinne des Wortes nach nur einem Jahrzehnt vom Sockel gehauen wird, dann geht es hier nicht um ein singuläres, isoliert zu betrachtendes Ereignis. Es ist nämlich nicht ohne den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg denkbar, der mehrere Jahre (1775 – 1783) dauerte.

Solch eine historische Umwälzung konnte nicht verschwiegen werden. Das Guckkastenbild mag bei Unwissenheit auch erschütternd wirken: fremde, „wilde“ Menschen scheinen die Akteure zu sein, während die wahrhaftigen politischen Kämpfer eher zuschauen. Auch dieses Zuschauen lässt verschiedene Interpretationen zu. Sind sie bestürzt oder eifern sie einfach nur mit? Der Kupferstecher Habermann versuchte, über ein Guckkastenbild den Betrachter in den Bann zu ziehen. Das Werk verrät gewisse (historische) Ungereimtheiten und verzerrt überlieferte Ereignisse. Es gibt einen Blick auf Historie frei, das auf eine ästhetische Wirkung abzielt. Der Akt der Zerstörung und seiner Betrachtung von einer überschaubaren Anzahl von Schaulustigen auf der Gasse – quasi vom Parkett – und am Fenster und auf der Veranda – quasi von den Rängen – wirkt inszeniert, während die Statue in ihrer Wirkung blass erscheint, da sie vergleichsweise unterdimensioniert dargestellt ist. Hat hier nicht einmal mehr der Künstler scharfen Durchblick hinsichtlich der Wucht der Geschichte bewiesen? Zumindest ist die Nachwirkung vorhanden: Man wird die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung anders lesen, wenn man dieses Guckkastenbild gesehen hat.  Und man wird den im September 2022 erneut angestimmten Vers „God save the King“ besonders hochhalten.  Möge Charles III. nicht vom Sockel gestoßen werden! Doch wird man ihn je als Statue verewigen?

Auf der Webseite der in Boston ansässigen Leventhal-Foundation ist der Kupferstich in faszinierender Auflösung online zu betrachten.

Und gut is‘ – Über neuartiges Sprachgut

Früher hörte ich meine Großmutter am Telefon sagen: „Ja, is‘ gut!“. Zumindest habe ich diese Worte von ihr in meiner Erinnerung abgelegt. Damit bestätigte sie nur, dass ich zu einer bestimmten Zeit, etwa zur Teestunde, vorbeikommen könnte.  Also zu einer wahrlich guten, passenden Zeit.

Das Gute kann manchmal auch bloß ausreichend sein: Laut dem Online-Nachschlagewerk OWID, betreut vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, ist seit den Nullerjahren die verwandte Wendung „Und gut is‘“ im Gebrauch. Umschrieben wird sie folgendermaßen:

es ist ausreichend, man sollte es dabei belassen

Der „Belegblock“ legt nahe, dass die Wendung schon vor dem Jahr 2000 existierte. Vielleicht ist sie ja entscheidend dadurch beflügelt worden, dass kurz vor der Jahrtausendwende Berlin Bundeshauptstadt wurde. Ich kann mir lebendig vorstellen, dass die vorwiegend in der mündlichen Sprache kursierende Floskel dort, wo massiv investiert wurde, in die Lande exportiert wurde. Besser lässt sich alltagstaugliche Schnoddrigkeit einfach nicht in Worten ausdrücken.  In einem Geschäft könnte die Geburtsstunde (zumindest die in Lettern dokumentierbare) geschlagen haben, wenn man sich folgenden Beleg anschaut:  

[eine] Verkäuferin, die mich an der Kasse eines […] Lebensmittelmarktes ungehalten auffordert, beim Einkauf nicht so viele verschiedene Mineralwasser zu wählen: „Nehm ’se sich ’ne Kiste von einer Sorte und gut is‘. Da kommt man ja ganz durcheinander mit den Preisen und is‘ doch sowieso alles die gleiche Plempe.“ (taz, 14.05.1999)

Am 09.08.2022 verwendete eine Variante, nämlich „Und fertig is‘“,
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in einem Fernsehinterview im ZDF-heute-journal, als es um das sensible Thema der im Herbst 2022 neu zugelassenen Impfstoffe ging. Spätestens seit diesem Interview ist mir klar, dass dieser Phraseologismus in der deutschen Sprache etabliert ist. Im größeren Kontext verwendete der Minister das Adjektiv ‚simpel’ in der Absicht, für mehr Klarheit zu geplanten Schutzregeln in Verbindung mit dem Impfstatus-Nachweis zu sorgen.

An was lässt mich diese Wendung noch denken? Spontan fällt mir ein Instant-Getränk ein, das auch nach dem Motto „Und fertig ist es“ zubereitet werden kann. Es geht darum, möglichst schnell zum Ergebnis zu kommen, ohne dass der Prozess sich zu lange in die Länge zieht.  Es schwingt ein gewisses Genervt-Sein mit hinein, dass auch im zitierten Beleg schön herauskommt.

Für mich bleibt es merkwürdig, dass das mickrige, semantisch leere und dazu noch dialektal markierte „is‘“ an das Ende eines Hauptsatzes gestellt wird, ohne jegliches Pronomen oder Substantiv. Was ist eigentlich gut? Man scheint das Urteil des Gegenüber vorweg zu nehmen.  Dass ‚gut’ bzw. ‚fertig’ eine gewisse Simplizität beanspruchen (in einem gewissen Äußerungs-Moment), macht die Sache auch nicht leichter. Auch dieses Belassen von etwas ist trügerisch: Understatement oder Bescheidenheit klingt jedenfalls anders (der Ton macht die Musik!). Das „gut“ ist deswegen als Urteil mehr als fragwürdig. Es wird entwertet, denn es klingt nach: Hauptsache, etwas ist ‚fertig’. Klar, wenn etwas fertig ist, dann können wir sagen: Gut so! Eine Erledigung, mag sie noch so banal sein, ist produktiv! Scheint in „Und gut is‘“ nicht auch  „Es reicht!“ durch, was wiederum Ärger ausdrückt? Das Verb ‚reichen’ reicht eben nicht immer aus, um jemanden zufrieden zu stellen. So wie im Belegbeispiel: Gut ist es, wenn ich jetzt die Sache (also den Getränkeeinkauf) beende, es reicht! Alternativ ließe sich noch sagen: Punkt. Aus. Ende.

Im erwähnten Fernsehinterview ist die Wendung „Und fertig is‘“, bei 5’40“ zu hören.

„Durch die wilde Mitte Österreichs“ – Gedanken zum Luchs Trail

Die offizielle Devise lautet: „Durch die wilde Österreichs“. Wildnis  ist demnach das Schlagwort des seit 2019 bestehenden Luchs Trails,  auf dem ich vom 27. Juli bis zum 01. August 2022 zusammen mit meinem Bruder wanderte. Über das Panorama-Magazin des Deutschen Alpenvereins bin ich dank eines Artikels von Axel Klemmer im Jahr 2020 auf ihn aufmerksam geworden. Der Weg verläuft insgesamt durch drei österreichische Bundesländer; wir liefen die ersten sechs Etappen von Reichraming (ca. 20 km südlich von Steyr im oberösterreichischen Teil des Ennstals) bis nach Gstatterboden bei Admont, wo wir die Enns im steirischen Teil wieder in der Nähe hatten. Mit dem Rad kann man beide Orte an einem Tag verbinden; der Weg führt den Wanderer auf dieser ca. 100 km langen Teilstrecke durch die beiden Nationalparks „Kalkalpen“ und „Gesäuse“, die zum wichtigen Habitat des Luchses gehören. Durch einen kleinen Obolus trägt man im Falle einer Buchung bei den „Trail Angels“ auch zum Schutz dieser scheuen Wildkatzenart bei, die sich natürlich nicht vor unseren Augen im (Buchen-)Wald zeigte.

Auch Engel sind eher im Verborgenen tätig: Es wurden im Angebotspaket ganz unterschiedliche Unterkünfte (inkl. Halbpension) zusammen mit Gepäcktransport ausgewählt. So waren wir in Gasthöfen, im Matratzenlager auf Almen und einmal in einem Admonter 4-Sterne-Hotel („Spirodom“) untergebracht, so dass kein gewöhnlicher  Standard auf uns wartete. Und genau das macht ja das Reisen aus: Besondere Momente soll es geben, nicht nur angenehme.

Zahlreiche gab es tatsächlich davon auf dem Weg, die man kaum durch Bilder dokumentieren kann. Hier nur ein paar davon:  Eine Anliegerin namens Zita („wie die letzte Kaiserin“) erzählte von ihrer reichhaltigen Ernte („10 Kilo Tomaten und 21 Kilo Gurken“) , ein plötzlicher Bremsenangriff, den wir mit der zivilen Defensivwaffe „Anti Brumm“ ganz gut abwehren konnten; eine „Panoramadusche“ auf der Anlaufalm (nach der 1. Etappe)  im Reichraminger Hintergebirge, die im Freien zusammen mit Kaltwasser die luftigste Erfrischung war, die man sich nach einem achtstündigen Tag vorstellen kann; eine völlig verwaiste Laussabaueralm (nach der 2. Etappe) am Hengstpass, wo die Stille zusammen mit der abendlichen Brise hinein in die geöffneten Fenster eine unwirklich spürbar war, da man es einfach nicht gewohnt ist, stundenlang allein auf einem fremden Privatgrundstück zu verweilen und wir die charmante Wirtin Sieglinde Baumann erst nach Einbruch der Dunkelheit antrafen. Die nachmittägliche Brotzeit wirkte zum Glück bei mir noch nach; an jenem 28.07. fiel das Abendessen einfach aus: Sei’s drum, es gab genug „flüssig Brot“, gekühlt im Brunnen!

Hier ist nicht der Platz, den Weg näher zu beschreiben, die Luchs Trail-Homepage ist dafür genau die richtige virtuelle Anlaufstelle.  Ein Bild pro Tag möge genügen:

Reichraming
In Reichraming, am Start des Luchstrails (an der Eisenbahnbrücke kommen die Enns und der Reichramingbach zusammen)
Anlaufalm
Almgelände der Anlaufalm auf etwa 1000 m Seehöhe (im Hintergrund die Gesäuse-Berge)
Haller Mauern
Ortsteil von Hall mit den Haller Mauern, der Gebirgskette, an deren Flanke das Admonter Haus auf gut 1700 m Höhe liegt
Klinkehütte
Klinkehütte auf etwa 1500 m, unterhalb des Admonter Kalbling (2196m) im Nationalpark Gesäuse
Mödlinger Hütte
Oberhalb der Mödlinger Hütte (ca. 1500m), dahinter der Admonter Reichenstein (2251m); links daneben: Admonter Kalbling und Sparafeld
Enns
Die Enns mit dem Admonter Reichenstein

Der Weg lässt sich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen (Reichraming besitzt sogar von Linz aus S-Bahn-Anschluss) ; Gstatterboden ist mit dem Bus mit dem IC-Bahnhof Liezen verbunden. Allgemein ist jedoch ein Auto zu empfehlen, wenn Gipfeltouren in den Nationalparks geplant werden.  Dieses Gipfelerlebnis ist zwar auch auf dem Luchs Trails möglich (zum Beispiel werden zwei Kogel auf der 5. Etappe „bezwungen“), jedoch werden die prominenten Berge des geheimnisvoll entrückten „Gesäuse“, die es durchaus mit gewissen Dolomitengipfeln aufnehmen können, nur in den Blick, nicht in den Angriff genommen. Die Charakteristik des Weges ist also moderat, jedoch ist die angegebene Marschzeit oft zu knapp bemessen:  Sieben Stunden für 21 km (2. Etappe) kann man beispielsweise bei über 1000 Höhenmetern schaffen, doch nur dann, wenn keinerlei Pause eingeplant wird oder man sich sehr athletisch fortbewegt. Bei Wärme und Gepäck ist das nahezu unmöglich; auch der Warnhinweis „Vorsicht bei Nässe und Höhenangst“ hinunter von der Anlaufalm hinunter zum Hintergebirgsbach ist unbedingt ernst zu nehmen. Selbst bei trockenem Wetter fühlten wir uns nicht gerade sicher auf diesem steilen Wegeabschnitt, was auch daran liegen kann, dass nach zwei Jahren Pandemie gewisse Wege von der Natur partiell zurückerobert werden. 

Im wahrsten Sinne des Wortes sind liegengebliebene Bäume einfache Hindernisse.  Das schwierigere Hindernis ist sicher das Mentale. Sechs Tage hintereinander wandern zu wollen ist nicht selbstverständlich. Und doch gibt einem der gesunde Körper das Vermögen mit auf den Weg, durchhalten zu können. Er hat oftmals genug Reserven; wenn genug Wasser aufgenommen wird, sollte bei durchschnittlicher Kondition kein Einbruch kommen. Wir hatten durchweg gute Wetterbedingungen; bei schlechtem Wetter wird man nicht auch daran gehindert, mal eine Etappe ausfallen zu lassen. Das meinte auch zurecht Gottfried Härtel, Wirt des Admonter Hauses: Nur weil man Anspruch auf eine Buchungsleistung hat, sollte man niemals diese „auf Teufel komm raus“ (diese Wendung kommt mir angesichts bestimmter Wetterküchen in den Sinn) einlösen wollen.  Mut und Verstand müssen zusammen passen; auch das gilt für den eher harmlosen Luchs Trail. Wenn bei sechs Etappen eine davon sprichwörtlich „ins Wasser fällt“, sollte man damit gut leben können. Und gewisse Defizite (teils spärliche Ausschilderung) lässt man einfach links liegen; die Wege-Engel halten ganz gewiss die Stellung über den heißen Draht, sprich: über eine Hotline!

Informationen zum Weg und zu Buchungen sind über die Luchs Trail-Homepage möglich. Informationen zum Nationalpark Kalkalpen und zum Nationalpark Gesäuse sind auch hilfreich.

Kleinkunst – ganz groß: Über das Lied „Güterzug“ von Sebastian Krämer

Es könnte eine Szene aus einem film noir sein, wie ich sie kurz nach 22 Uhr am Karfreitag 2022 erlebt habe: Kurz vor meinem Ziel in Berlin musste ich auf der Verbindungsstraße zwischen den Stadtteilen Köpenick und Kaulsdorf in einem Waldgebiet (in der Nähe des S-Bahnhofs Wuhlheide) einen Güterzug abwarten, der in einem quälend langsamen Tempo den Bahnübergang passierte. Und bei den im wahrsten Sinne des Wortes ungezählten Güterwaggons dachte ich mir, dass hier noch eine veritable Geduldsprobe auf mich wartete.

Der Liedermacher Sebastian Krämer hat das „Telefonlied“  eingeführt, und wahrscheinlich wird man ihn nicht dabei kopieren.  Mit der einen Hand Klavier spielen und mit der anderen Hand telefonieren,  das ist natürlich dämlich, doch es passt genau in sein „Güterzug“-Lied hinein. Es  ist eine Realsatire genau auf das, was ich erlebt habe, nur mit dem Unterscheid, dass ich in Berlin unterwegs war und der Interpret in seiner Heimat Vlotho an der Weser. Auch wenn Krämer im Mitschnitt behauptet, real vor der Schranke nicht zum Smartphone gegriffen zu haben, so ist es ein plausibler  Gedanke, während des Passieren-Lassens eines nicht aufhörenden Güterzugs live die Außenwelt über die Verspätung zu informieren. Auch das Filmische kommt zur Geltung. Erst ist es im Lied nur die Situation, die filmische Züge (Stichwort: Güterzug als störendes, womöglich retardierendes Motiv in der Handlung) trägt, dann werden die Waggons zur Projektionsfläche für filmische Bilder und damit zum Motiv:

Der Zug ist ein Kino, das mir einen Kurzfilm zeigt.

Auf den Planen der Wagen sind Bilder

zu einem Film angehäuft,

der hier mir vor mir als Spot

und gütiger Gott

in ’ner Endlosschleife läuft.

Auch der Film zeigt ’nen Güterzug und einen Mann.

Es hat was von Schlingensief:

Der Mann springt in den Zug;

Das ist nicht gerad‘ sehr klug.

Denn Blut spritzt aufs Objektiv.

Doch stets wenn der Kurzfilm vorbei ist

entsteht eine Lücke im Lauf;

’ne Sekunde lang

prangt nur Schienenstrang

Und der Zug hört für kurze Zeit auf.

(…)

Ich glaube, dass das meine Chance ist:

Ich schaff‘ mir den Rhythmus drauf.

Es ist alles nur Timing,

ich springe mich frei,

bis dann Schatz, ich leg jetzt auf.

Als das Sänger-Ich auflegt, ist neben dem Lied, das in der Klavierstimme hämmernd den Güterzug nachahmt und die Singstimme einen  gehetzten Tonfall anschlägt (auch das ist authentisch) – auch das Leben vorbei.  Der Pianist fällt buchstäblich vom Hocker, als er sich frei springt! Hier könnte man an einen Filmriss denken.  Diese Horrorvorstellung gehört zum film noir, sonst wären Genreerwartungen nicht erfüllt.

Das Fiktive in das Reale so einzuarbeiten, dass ein Güterzug geradezu surreale Züge erhält, lohnt eine nähere Untersuchung. Einen Kurzfilm als Endlosschleife vor sich zu sehen – besser lässt sich die in die Länge gezogene Wartezeit mitsamt der Ungeduld des Wartenden nicht bebildern. Die Filmlücke ist gleichsam eine Zeitlücke, die zur vermeintlichen Befreiung dient. Doch ein Ausbruch aus dem Lauf der Zeit, den der Zuglauf materialisiert, ist unmöglich. Auch wenn das Sänger-Ich Timing und Rhythmus plant, bleibt es buchstäblich auf der Strecke. Im Französischen ist übrigens „train“ mit „(Lebens-)Tempo“ und gleichsam als Doppel-Gespann (also „train-train“) mit Alltagstrott
gleichbedeutend , was ja auch ein gewisses Tempo suggeriert. Und da wären wir wieder bei der Musik. Ganz klar zeigt sich: In ihrer Vielschichtigkeit erschafft die Kleinkunst von Sebastian Krämer in kürzester Zeit großes Kino!

Dass der Westfale Sebastian Krämer im Vereinsheim Schwabing (Mitschnitt vom Bayrischen Rundfunk aus dem Jahr 2021) auftreten durfte, ist für einen „Preißn“ natürlich Ehre genug. Die gut 5 Minuten sind wirklich kurzweiliges Kabarett! Seine Tourneedaten lassen sich auf seiner Homepage einsehen.

Ein Kurzausflug auf die Schiene – Über eine Fahrt mit der Wisentatalbahn

Das Jahr 2022 wird noch lange in Erinnerung bleiben: Die Stichwörter „Tankrabatt“ und „9-Euro-Ticket“ sind unter anderem für mich schon jetzt Kandidaten für das Wort des Jahres. Als Anfang Juni diese Vergünstigungen im wahrsten Sinne des Wortes in den Verkehr kamen, zahlte ich gerne extra: Auf der Wisentatalbahn gab ich 8 Euro für eine Fahrt aus, und ich fühlte mich mit diesem Preis so richtig glücklich.

Wisentatalbahn
Fahrkarte für die Wisentatalbahn

Ich nahm an dem Tag gegen 17 Uhr den letzten Schienenbus, der sich von Schönberg im sächsischen Vogtland (Bahnhof auf der Strecke Hof-Zwickau) auf den ca. 16 Kilometer langen Weg ins thüringische Schleiz machte. Im Grunde waren außer mir nur Vereinsmitglieder und -sympathisanten an Bord, die sich mit großem Engagement seit 2007 um die reaktivierte Wisentatalbahn kümmern. Sie sorgen sich auch um das leibliche Wohl ihrer Fahrgäste. Aufgrund des leeren Wagens durfte ich direkt hinter dem Lokführer Platz nehmen – direkt neben meinem aufgehängten Fahrrad. Das war eine große Freude für mich! Die Leere erschien bizarr angesichts der oft überfüllten Regionalzüge an jenem Pfingstwochenende.

Langsamfahrstelle
Abzweig von der Hauptstecke Hof-Zwickau (Langsamfahrstelle!)
Freies Plätzchen
Ein freies Plätzchen direkt hinter dem Triebfahrzeugführer!

Man merkt es bereits an der Homepage und den ausliegenden Flyern an, dass hier Eisenbahnliebhaber mit Leidenschaft am Werk in einer Region sind, die touristisch unterbelichtet ist. In einem Sommer mancher Engpässe ist es auch ein Vorteil, dass trotz des naheliegenden „Thüringer Meers“ (Bleilochtalsperre) und Schloss Burgk der Ort Schleiz überregional unbekannt ist, obwohl er auf der Autobahn A9 eine eigene Ausfahrt besitzt.

Drei bis viermal am Tag fahren meist zweimal im Monat jeweils samstags die Uerdinger Schienenbusse aus den 1950er Jahren auf der idyllischen Strecke, die von der Deutschen Regionaleisenbahn (DRE) gepachtet wurde.  Jeder einzelne Zug muss, auch wenn kein Gegenverkehr zu erwarten ist, in Kommunikation mit dem Fahrdienstleiter in Pretsch an der Elbe (Sachsen-Anhalt) stehen, der auch andere Nebenbahnen beaufsichtigt, die nicht von der Deutschen Bahn betrieben werden.

Die Rangierfahrt in den Lokschuppen wurde mir am Fahrtende kurz vor Schleiz auch gezeigt. Ich staubte anschließend die letzte Frikadelle ab und schwang mich bei angenehmen Temperaturen aufs Rad.  Dafür brauchte ich gutes Kartenmaterial, da ein lückenloser Radweg zum Startpunkt nicht ausgeschildert ist. Das konnte ich auch nicht erwarten. Hauptsache, ich machte mir ein schönes Bild von der Landschaft. Manchmal sind es 2-3 Aufnahmen, die in Erinnerung bleiben. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Strecke Schleiz-Schönberg am besten wandernd in ca. 3-4 Stunden zurückgelegt werden kann.  Es rollt sich einfach nicht so gut im recht langen Waldstück zwischen Oberböhmsdorf und Mühltroff.   Wer auf den Europäischen Bergwanderweg  (EB) gerät, der ist ganz sicher gut unterwegs. Auf der Karte ist die „Alte Mühltroffer Straße“ zur Orientierung gut. Ein malerischer Ausblick zwischen Wald, Feld und Gewässer steht für die Freude, das Abendlicht von seiner schönsten Seite zu erwischen:

Abendstimmung
Abendstimmung einige Kilometer südöstlich von Schleiz (bei Oberböhmsdorf)

Nachdem die Fahrt es am späteren Nachmittag losging, fühlte es sich geradezu kurzweilig an, wieder gegen 20 Uhr zurück am Auto in Schönberg anzukommen. Das Abendlicht ist an langen Sommertagen besonders wertvoll, weil es so lange vorherrscht und man gerade bei Sonnenschein noch mehr die Ruhe der Region genießen kann.  Zudem ist es ein zusätzlicher Luxus, dass das Auto unweit des Bahnhofsganz ohne Fahrplan auf mich wartet.  Und auch die Rückfahrt hielt noch die eine oder andere Entdeckung bereit….

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